Schwertkampf

Ein dreiviertel Jahr vor dem zweiten Büdinger Mittelalterfest im Jahr 2007 trafen sich Mittelalterfans aller Altersgruppen am Reitstall Rosenhof vor den Toren der Festungsstadt. Ein Feuerjonglage-Workshop stand auf dem Programm, denn für das bevorstehende Großereignis sollte der künstlerische Umgang mit dem gleichermaßen faszinierenden und gefährlichen Element eingeübt werden. Gegen Abend entwickelte sich mehr oder minder spontan ein ganz eigenes Schauspiel: "Es waren alle möglichen Leute vor Ort, Feuerjongleure und Bogenschützen, Ritter und Schwertkämpfer, die ihr Metier beherrschten", erzählt Axel Friedersdorf, der heute die Büdinger Schwertkampfgruppe leitet. "Auf dem Gelände war ein improvisierter Nachbau der Büdinger Festungsanlage errichtet worden. Und schon nahm das Spiel seinen Lauf und aus Workshop und Sommerfest wurde eine handfeste, wenn auch stilisierte Stadterstürmung."



Danach gab es kein Halten mehr. Die Büdinger wollten mehr wissen über die Kunst des Schwertführens und des ritterlichen Kampfes. Speziell Axel Friedersdorf recherchierte Material für die aus Sicherheitsgründen streng geregelte Choreographie des Schwert-Schaukampfes, schaute sich zahlreiche Videos mit Bewegungssequenzen, zum Teil in Zeitlupe, an und studierte die sechshundert Jahre alten Standardwerken des Fechtmeisters Johannes Lichtenauer. Wer Friedersdorf zuhört, gewinnt den Eindruck, mittelalterlicher Schwertkampf, speziell der Schaukampf, sei tatsächlich eine besondere, kriegerische bis spielerische Form von Tanz. Da ist von verschiedenen Kampfstellungen und Grundschlägen die Rede, von einer stilvollen Einleitung des Schaugefechts mit anschließenden Aktionen sowie gesichertem Rückzug. Dazu gab und gibt es regelrechte Modeströmungen im Bereich von Rüstung und Helm, Kurz- und Langschwert, Zeremoniar-, Schmuck- und Richtschwert, Krummsäbel, Dolch und Stilett.

Eine Welt für sich, die jedoch bei Groß und Klein, Mann und Weib großen Anklang findet. Die regelmäßigen Übungsstunden der Büdinger Schwertkämpfer - im Sommer dienstags ab 20.00 Uhr im Festungsgraben vor dem Jerusalemer Tor – ziehen Akteure und Zuschauer gleichermaßen an. Fairness wird großgeschrieben, mit ungezügelten Aggressionen hatte Friedersdorf nach eigener Aussage bei seinen Kämpfern und Amazonen zwischen 15 und 55 noch nie zu tun. Hitzköpfen würde der Elan ohnehin rasch vergehen, denn die stählernen Übungsschwerter mit nicht geschärfter Sicherheits-Schlagkante wiegen respektable vier Kilo und fordern selbst zweihändig geschwungen einiges an Muskelkraft. Beim Üben stellen sich Kondition, Haltung, körperliche und mentale Kontrolle nach und nach von selbst ein. Wer die Kunst des Schwertkampfes kennen lernen will, kommt einfach zu Übungsstunden (bitte Turnschuhe mitbringen!), Schwert, Handschuhe, Gesichtsschutz und sichere Kampfkleidung werden zunächst gestellt. "Anfangs werden vier bis fünf einfache Grundschläge geübt, so lange bis sie wirklich sitzen und wir darauf aufbauen können", erläutert Axel Friedersdorf. "Denn auch wenn wir mit stumpfen Schwertern kämpfen, es bleiben Schlagwaffen von einigem Gewicht. Sicherheit ist bei uns deshalb oberstes Gebot."

An die Kür wagen sich also nur Geübtere. Und wie ist das mit den Amazonen im Mittelalter - Wahrheit oder Legende? "Die Schwert schwingende Frau gehört in dieser Zeit definitiv ins Reich der Legende", stellt Axel Friedersdorf schmunzelnd fest. Wohl aber gibt es Beschreibungen, dass Frauen sich, um ein so genanntes Gottesurteil herbeizuführen, einen Berufsfechter mieten oder nach anderer Rechtslage sich so gar im Zweikampf messen durften. Hierbei wurde der Mann dann allerdings aus Paritätsgründen bis zur Hüfte eingegraben, die Frau benutzte einen um den Arm gewundenen Sack, den sie keulenartig einsetzen durfte. Eine andere Waffe war ihr nicht erlaubt.

Die Schwertkämpfer in Büdingen jedenfalls üben ihre Kunst gekonnt, friedlich und gleichberechtigt aus. Interessenten sind jeden Dienstag in der Sporthalle der Grundschule Büdingen bzw. im Festungsgraben am Jerusalemer Tor herzlich willkommen. Nähere Informationen gibt es bei Axel Friedersdorf, Tel. 0160-96250787 oder amtmann@gassevolk.de.

Inge Müller