500 Jahre Büdinger Festung(s)Kunst

Vor einem halben Jahrtausend, im Jahre 1511, wurde durch ein tragisches Ereignis das Ende des Büdinger Festungsbaus eingeleitet. Bei der Inspizierung des nördlichen Mauerabschnitts wurde Graf Ludwig II. zu Ysenburg von einem Baugerüst erschlagen, als fast neunzigjähriger Greis und nachdem er seine Grafschaft volle 50 Jahre lang regiert hatte. Aus den Aussagen von Zeitgenossen wissen wir von dem Unglück und ein Steinmetz hat am nordöstlichen Eckturm die Worte GOD GNAD DER SELE eingemeißelt. Wie die dabei stehende Zahl XI (für 1511) deutlich macht, bezieht sich die Inschrift nicht auf dort schmachtende Gefangene, sondern auf den Ysenburger Regenten, der hier zu Tode kam. So ist auch der geläufige Name „Folterturm“ unkorrekt, denn es handelt sich nicht um einen Gefängnis- sondern um einen Geschützturm. Er ist Teil eines Ensembles von 17 noch erhaltenen Bollwerken, Rondellen oder Halbtürmen der Festung, deren innere Mauern und äußere „Dämme“ sich zu einer Gesamtlänge von rund 2,65 Kilometern addieren. Trotz des Verlustes der Toranlagen im 19. Jahrhundert - nur das auch künstlerisch besonders wertvolle „Jerusalemer Tor“ hat überdauert und ist zum Wahrzeichen der Stadt geworden - zählt die Büdinger Fortifikation zu den am geschlossensten erhaltenen Anlagen des späten Mittelalters, während Festungswerke sonst den militärischen Entwicklungen folgten, stark verändert und schließlich meist geschleift wurden.

Nicht allein diese Erinnerung an das Geschehen vor 500 Jahren wirft natürlich Fragen zur Entstehung und den weiteren Geschicken des Bauwerks auf, Fragen nach der Bauzeit, den Beweggründen des Auftraggebers, dem leitenden Baumeister, den beteiligten Handwerkern, nach den Kosten und der Finanzierung, aber auch bezüglich des Umfelds der Zeit um 1500, den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten, auch nach den leitenden Ideen, die hinter einem solchen Bauwerk zu vermuten sind. Zudem wüsste man gerne Näheres über die bauliche und handwerkliche Praxis, wie und unter welchen Umständen damals solche gewaltigen Baumaßnahmen organisiert und bewältigt wurden.

Eine hochrangige Quelle der Erkenntnis ist zweifellos das Baudenkmal selbst, aber die Festungsmauern sind im Sinne einer modernen Bauforschung bisher noch zu wenig untersucht worden. Die genaue Bauaufnahme und kunsthistorische Einordnung blieb ein frommer Wunsch, und so basierte das Zeitraster lange nur auf drei Datierungen, die sich an der Architektur fanden: 1494 am Schlussstein des äußeren Mühltors, 1503 am Wappenerker des Jerusalemer Tors und 1511 mit der schon genannten Inschrift. Ältere Arbeiten, welche die Festung behandeln, kommen so über bloße Vermutungen kaum hinaus, lediglich zum Abbruch der Toranlagen im 19. Jahrhundert liegen gründliche Aufsätze von Karl Heuson und Peter Nieß vor.

In diesem Zusammenhang wurde immer wieder bedauert, dass in den Archiven keine schriftlichen Unterlagen zum Festungsbau zu finden seien. Häufig wurde spekuliert, dass das Projekt in der Verantwortung eines Mainzer Baumeisters gelegen habe, wegen der engen Verbindungen zu der kurfürstlichen Residenzstadt, wo ein Bruder des Grafen Ludwig, Diether von Ysenburg, Erzbischof geworden war. Aus der Gestaltung der Geschütztürme und der Geometrie des Gesamtplans wurden sogar italienische Einflüsse abgeleitet. Bei genauerem Nachsuchen tauchten dann aber in den „Küchenrechnungen“ dieser Zeit im Fürstlichen Archiv immer wieder „Maurerlisten“ auf. Es handelte sich dabei um nichts anderes als um die Abrechnungen zur Entlohnung der Steinmetzen und Maurer einer Bauhütte, die über Jahre und Jahrzehnte an der Fortifikation tätig war. Dass der gräfliche Küchenschreiber diese Ausgaben in seine Wochenrechnungen mit aufnahm, hat einen besonderen Grund. Die finanzielle Abwicklung des Baugeschehens lag damals in den Händen des „Küchenmeisters“, der an der Spitze der noch kleinen Hofhaltung im Büdinger Schloss stand, Dabei handelt es sich zunächst um Friedrich von Breidenbach, aus einer Gelnhäuser Burgmannenfamilie, der 1473 zum Rat und Diener angenommen worden war und das besondere Vertrauen des Grafen Ludwig genoss. Seinen Nachfolgern fiel die gleiche Aufgabe zu.

Diesen Einträgen ist zu entnehmen, dass sich seit etwa 1476 in Büdingen eine feste Bauhütte etabliert hat. Sie stand unter der Leitung des Werkmeisters Hans Kune (nach heutiger Schreibweise Kuhn), Sohn des Büdinger Bürgers und Ratsschöffen Cune Murer, der ebenfalls im Bauhandwerk erscheint. Hans Kune zur Seite standen die Meisterknechte, seine Gesellen, und seine „Knaben“, die Lehrjungen, gemäß der Dreigliederung des Handwerks. Daneben bestand ein fester Stamm von Büdinger Steinmetzen und Maurern; so finden wir über viele Jahre Namen wie Conz Bempel, Henne Kegen, Goffert Muncker, Peter Ribisch Enders Rucker oder Heinrich Wolgemud. Wie wechselnde Namen zeigen, arbeiteten daneben wandernde Gesellen mit, vorwiegend aus dem süddeutschen Raum, dem Elsass oder der Schweiz, die einige Tage, Wochen oder auch länger auf den Baustellen blieben. Den Handwerkern zur Seite standen die „Opperknechte“, eine feste Gruppe von Handlangern oder Hilfsarbeitern, die auch die schwere Arbeit in den Steinbrüchen verrichteten. Auch hier finden sich über viele Jahre dieselben Namen.

Die Bauhütte wurde zunächst auf der Ronneburg und bei dem laut Bauinschrift 1476 begonnenen Umbau der älteren Marienkapelle zur repräsentativen Residenzkirche tätig, der 1491 mit der Weihe des neuen Gotteshauses seinen Abschluss fand. Vom handwerklichen Können zeugt vor allem der Chor in seinen großzügigen Dimensionen, für den Steinmetz Siegfried Ribisch vorgearbeitete Werksteine, wie Rippenanfänge und Schlusssteine, lieferte, während Meister Kune mit seinen Leuten die Mauern hochzog und die Einwölbung übernahm. Mitte der achtziger Jahre des 15. Jahrhunderts liefen dann die Planungen und Vorbereitungen zu dem großen Bauvorhaben des Grafen Ludwig an: dem Ausbau der Residenz Büdingen zu einer repräsentativen Festung nach dem militärtechnischen Standard der Zeit und in den künstlerischen Formen der Spätgotik. Spätestens seit Mitte des 14. Jahrhunderts war der Altstadtkern Büdingens durch Stadtmauern und Tore geschützt worden, ab 1390 wurde die Ummauerung auch auf die nördliche Stadterweiterung, die Neustadt, ausgedehnt. Nunmehr handelte es sich nicht um eine Modernisierung dieses Mauerrings, sondern um ein Vorhaben, das dem Fortschritt der Waffentechnik, der Revolution im Defensionswesen durch die neuartige Artillerie, Rechnung trug. Dabei wurden die älteren Mauern aber als innere Front beibehalten, vor denen sich nun breite Gräben oder Zwinger ausdehnten, zum Teil kammerartig gegliedert. Diesen waren „Dämme“ vorgelagert, im Fachjargon „Kurtinen“, Erdwälle zwischen zweischaligem Mauerwerk, auf denen Geschütze bewegt werden konnten. Im Süden bot der um die neue Festung geleitete Seemenbach zusätzlichen Schutz, im Westen ein Wassergraben, der vom Küchenbach gespeist wurde. Wegen des ansteigenden Geländes entsprach ihm im Norden und Nordwesten ein Trockengraben, später „Hirschgraben“ genannt. Zur Bestreichung der Gräben und des Festungsglacis wurden in die Mauerfront Rundtürme (Rondelle) oder Halbtürme eingefügt, während an den Ecken der Festung „Bollwerke“, Batterietürme mit besonderer Feuerkraft, Schutz boten. Die drei vorhandenen Zugänge zur Stadt, die Unter-, Ober- und Mühlpforte, wurden zu Doppeltoranlagen umgestaltet. Dabei blieben die älteren mittelalterlichen Pfortentürme bestehen, wurden aber durch neue Toranlagen nach Art von Vorwerken verstärkt, die s-förmig versetzt waren, so dass ein glatter Durchschuss nicht möglich war. Die innere Mauer zwischen Alt-und Neustadt mit der Karlspforte blieb erhalten.

Im Dezember 1486 werden Ausgaben an Geld und Korn für „ Bolacken “ genannt. Dabei handelt es sich um polnische Spezialkräfte für größere Erdbewegungen, die in dieser Zeit bis in die dreißiger Jahre des 16. Jahrhunderts bei vielen Festungsbauten im hessischen und mitteldeutschen Raum zu finden sind. Die „Polacken“ hoben also in Büdingen die ersten Gräben für die Festung aus, entlohnt wurden sie für insgesamt 200 Ruten, was bei den in Büdingen üblichen Maßen von Fuß und Rute einer Gesamtlängen von 960 Metern entspricht. 1489 wird ein „neuer Turm“ genannt, vermutlich das „große Bollwerk“ im Nordwesten, und auch der „Pulverturm“ an der südöstlichen Ecke findet Erwähnung. Vielleicht hatte man zunächst sogar an isoliert stehende Türme gedacht, für die es aus dieser Zeit Beispiele gibt, wie den „Dicken Turm“ vor der Reichsburg Friedberg. Nach Ausweis der Rechnungen, bei denen jedoch einzelne Jahrgänge fehlen, war die Bauhütte 1491 mit den Außenmauern der Dämme beschäftigt, zunächst zwischen dem Großen Bollwerk und dem Untertor. Hier musste der Bautrupp von neun Maurern unter Meister Hans aber Lehrgeld zahlen, denn es ist von „eingefallenen Mauern“ ( vmbgefallen Muern ) die Rede, vermutlich dort, wo nach heute Störungen im Mauerwerk zu sehen sind. Doch die Erfahrung wuchs rasch im Laufe der kontinuierlichen Arbeiten, die sich nun über Jahre hinzogen.

Doch es wurde nicht durchgängig und ausschließlich an der Festung gearbeitet, die Bauhütte war öfters auch an anderen Orten eingesetzt. In Büdingen wurde jährlich meist nur ein Objekt, wie ein Turm, oder ein Mauerabschnitt ausgeführt, was auch mit der Finanzierung aus dem jeweiligen Jahreshaushalt der gräflichen Hofhaltung zusammenhing. Längere Bauzeiten beanspruchten das Mühltor oder das Untertor, später Jerusalemer Tor genannt. Dessen Datierung 1503 an der wappengeschmückten Senkscharte bezeichnet aber nicht das Ende des Gesamtprojekts, die Arbeiten liefen noch ein Jahrzehnt lang weiter. Eine derartige Dauer lässt den Umkehrschluss zu, dass offenbar keine dringende militärische Notwendigkeit zu einer rascheren Fertigstellung bestand, Büdingen also nicht akut gefährdet war. Bei Graf Ludwig ist nach den schlimmen Erfahrungen der Mainzer Stiftsfehde in den Jahren 1461 bis 1463 zwar ein „Sicherheitstrauma“ nicht auszuschließen, wie die von ihm erneuerten Wehrkirchen von Hitzkirchen oder Wolferborn belegen, doch der Büdinger Festungsbau diente in erster Linie der baulichen Aufwertung der Residenz, er war äußeres Zeichen von Prestigedenken und Repräsentationsbedürfnis. Es handelte sich aber auch, - und das darf nicht übersehen werden -, um eine über Jahre wirksame Konjunkturmaßnahme, denn neben Maurern, Steinmetzen und Handlangern wurden noch zahlreiche andere Handwerker benötigt, wie Zimmerleute, Schlosser und Schreiner, auch Spezialisten wie der „Büchsenmacher“, der nicht nur Hakenbüchsen und Feldschlangen goss, sondern dessen Sachverstand bei technischen Problemen am Bau, wie der Aufstellung von Kränen oder der Installation der Zugbrücken, unabdingbar war

Die besonderen Merkmale der Büdinger Festungskunst sind noch wenig beachtet worden. Dazu gehören, neben den gerundeten Hauben am Jerusalemer Tor oder den spitzen Kegeln der Türme der Westfront, auch eine besondere Form von Schießscharten, die Buckelscharten, die sich außer in Büdingen nur noch an wenigen ysenburgischen Bauten dieser Zeit finden. Sie wurden in großer Zahl auf Vorrat von den Steinmetzen hergestellt, meist in der Zeit außerhalb der eigentlichen Bauperiode, die von Sonntag Invocavit im beginnenden Frühjahr bis zum Remigiustag, dem 1. Oktober, reichte. Der Winterlohn war wegen des kürzeren Tageslichts niedriger.

Der Tod hat Meister Hans Kune wohl 1499 das Werkzeug aus der Hand genommen, denn nun ist von dem „neuen Meister Peter“ die Rede, der die Bauhütte in der bisherigen Form weiterführte. Der Tod des alten Grafen 1511 bedeutete einen gewissen Einschnitt, doch ganz abgeschlossen waren die Arbeiten an der Festung noch nicht. Sie wurden unter der gemeinschaftlichen Regierung der Söhne, der Grafen Philipp, Diether und Johann, bis zur Teilung der Grafschaft 1517 weitergeführt. Die Festungswerke blieben zunächst noch im gemeinsamen Besitz, bis auch sie in einem Vertrag zwischen den Grafen Johann und Anthon zu Ysenburg 1529 in Nutzungsbereiche aufgeteilt wurden. Damals hatte sich der Handwerksverbund schon aufgelöst, nötige Bauaufträge wurden nun individuell an einzelne Handwerker vergeben. Doch hatte die Bauhütte die Grundlage für das blühende Steinmetzhandwerk gelegt, das sich im 16. Jahrhundert in Büdingen entfalten konnte.

Zu den wichtigen neuen Erkenntnissen zählt, dass es sich bei dem Festungswerk um ein Bauprojekt handelt, das allein von den Ysenburger Grafen als Stadtherrn getragen und finanziert wurde, nicht jedoch von der Bürgerschaft. Eine wie auch immer geartete Heranziehung der Bürger zu den Kosten ist den Quellen nicht zu entnehmen, ihre Dienste, etwa bei Steinfuhren, wurden bezahlt, benötigte Grundstücke aus privatem Besitz angekauft. Allerdings gehörte danach der Unterhalt von Mauern und Toren zu den Pflichten der Stadtbürger, wie sie im „Freiheitsbrief“ von 1353 festgelegt waren. Neben der Bestückung mit Geschützen durch die gräflichen Stadtherrn wurden die bürgerlichen Schützen bei der Verteidigung der Stadt herangezogen. Dies belegen nicht nur der Aufschwung des Schützenwesens, sondern auch die nun einsetzenden, auf die neue Festung bezogenen Feuer- und Alarmordnungen, die den wehrfähigen Bürgern die genauen Einsatzorte bei einem Angriff und auch bei Feuersgefahr zuwiesen. Dabei sind Maurer und Steinmetzen in wichtigen Positionen genannt, ein Hinweis dass sie zur tragenden sozialen Schicht gehörten.

In den zurückliegenden Jahren hat die Stadt erhebliche Summen, zusammen mit Mitteln des Bundes und des Landes Hessen, in die Sanierung der historischen Festungsanlagen investiert, die dadurch auch wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Bei einigen der Architekturobjekte konnte eine denkmalverträgliche Nutzung gefunden werden, so mit dem „Sandrosenmuseum“ in den schlanken Türmen des Jerusalemer Tores, beim „Metzgermuseum“ im Schlaghaus oder dem Roten Turm, wo ein Modell der Festungsstadt um 1620 Aufstellung fand. Anderes bleibt noch eine Wunschvorstellung, wie ein geschlossener Rundgang um und über die Festungsmauern.

 

Dr. Klaus Peter Decker