Beuringer Gassevolk

Es ist um das Jahr 1600. Die Nacht senkt sich über die winkligen Gassen der kleinen Festungsstadt. Angeführt von einem Geschichtenerzähler und begleitet von strengen Stadtbütteln ziehen neugierige Besucher bei Fackelschein durch die Gassen. Der Weg führt vorbei am Wildschweinkopf am Steinernen Haus, an den geheimnisvollen Kerben an der Marienkirche, den mächtig emporragenden Türmen des Schlosses und den klagenden Stimmen am Bollwerk. Die Gäste hören Büdinger Geschichten und treffen Büdinger Gestalten – das Bohnenweibchen und die weisen Kräuterfrauen, den Flötenspieler, den strengen Amtmann und die dem Würfelspiel ergebenen Torwachen, den würdigen Pfarrer, der den neusten Stadtgerüchten nie abgeneigt ist, und den diebischen Mägden aus dem Fürstenschloss…

„Nachtwächterführungen mit historischem Hintergrund habe ich schon oft erlebt – das hier ist etwas ganz anderes“, freut sich der Gruppenleiter aus Bremen, der mit einer Führung des „Büdinger Gassevolks“ seine Fachtagung beschließt. Seine Leute kommen aus Erlangen und Offenbach, sogar aus Paris. Verständigungsprobleme über die Grenzen von Zeiten und Ländern hinweg gibt es nicht. „Die einzigartige Atmosphäre der historischen Gassen, die Szenen, die das Mittelalter fast greifbar lebendig werden lassen, die verschiedenen Charaktere, die den Schauspielern auf den Leib geschneidert sind – all das wird uns unvergessen bleiben. Das muss der Organisator unserer nächsten Fachtagung erst einmal toppen“, zeigen sich die Teilnehmer begeistert. Am Morgen machen sich einige mit dem Camcorder auf den Weg und gehen die Strecke noch einmal zu Fuß ab. Eineinhalb Stunden waren sie in der Nacht unterwegs – die Zeit ist wie im Flug vergangen.

Seit einiger Zeit hat Michael Henrich das Amt des Stadtführers von Rudi Hennich übernommen. Hennich, einst vom Tourismusbüro der Stadt auf die Möglichkeit historischer Führungen angesprochen, schwebten von Anfang lebhafte Szenen statt des Monologs eines Nachtwächters vor. Dass einmal zwanzig und mehr Menschen beim „Beuringer Gassevolk“ mitmachen, dass Großevents wie die erfolgreich viermal aufgeführte „Bürgerhochzeit“ im Oberhof mit authentischem Schmaus und Spiel entstehen würde, ließ sich damals, in den Anfangstagen des Jahres 2003, noch niemand träumen.

Der ehemalige Schlossarchivar Dr. Peter Decker unterstützte Gassevolks-Gründungsmitglied Katja Kopp bei der Textgestaltung, Menschen aus Büdingen, die sich für die Idee begeisterten, stießen zu den ersten Mutigen hinzu, auf eigene Kosten beschafften die Akteure Gewänder und Accessoires. Heute findet das ganze Jahr über mindestens eine Führung pro Monat statt, weitere Termine werden auf Anfrage für Gruppen, Vereine und Festgesellschaften gern arrangiert, Kooperationen mit der Schwertkampfgruppe und den Danze-Liut (Tanzleuten), die wie das Gassevolk dem „Förderverein Lebendiges Mittelalter in Büdingen“ e.V. angehören, sind jederzeit möglich. Jüngstes Experiment der schauspielbegeisterten Truppe: Der „Gerichtstag 1335“ (Autorin: Katja Kopp, Regie: Andreas Hesse). Marktfrauen und Diebe, geprellte Händler und Kunden, unbestechliche Richter und findige Schreiber geraten in der Bleffe aneinander und versuchen, während das Publikum sich mittelalterliche Köstlichkeiten munden lässt, ihre Streitereien gütlich beizulegen – denn Markttag ist immer auch Gerichtstag!

Nähere Informationen über das „Beuringer Gassevolk“ findet man unter www.gassevolk.de
Telefonische Auskunft erteilt Achim Grauling (Tel 0171 8973349).